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01.07.2008
Morgens Schriftstellerin, mittags Mama
 
Viele Mütter träumen von einem Leben als Buchautorin, aber ist es auch ein Traumleben? Drei Schriftstellerinnen, die spät in den Beruf einstiegen, berichten

Schriftstellerin sein - für viele Mütter klingt das nach einem Traumleben. Von zu Hause aus arbeiten, mit freier Zeiteinteilung! Ab und zu Lesungen veranstalten, Interviews geben - schön, oder?
„Ja", bestätigt Petra A. Bauer und strahlt übers ganze Gesicht. Für die Berlinerin ist Schriftstellerin tatsächlich der ideale Beruf. Morgens, wenn ihre vier Kinder in Richtung Schule entschwunden sind, holt die studierte Stadtplanerin sich die große, weite Welt in ihr fünf Quadratmeter kleines Homeoffice. Der Vormittag ist die Zeit, in der Petra A. Bauer schreibt. Aktuell übrigens einen historischen Krimi, zwei Jugendbücher und eine Reihe von Glossen für ein Internetmagazin.

So kann es gehen: erst Hausfrau, dann Autorin

Schriftstellerin werden - dieser Traum kann auch für Menschen weit jenseits der 20 in Erfüllung gehen. Andrea Maria Schenkel (46) hat es mit ihrem Bestseller „Tannöd" vor Kurzem wieder bewiesen. Klar: Bedarf an Lesestoff besteht im Prinzip immer, schließlich erscheinen pro Jahr fast 100.000 neue Bücher allein in Deutschland. Doch über Nacht klappt der Durchbruch selten. Außer Begabung brauchen Neueinsteigerinnen vor allem Geduld und Organisationstalent.

Für Petra A. Bauer war es immer normal, mehrere Dinge gleichzeitig zu tun. Schließlich hat sie gleichzeitig studiert und sich um ihr erstes Baby gekümmert, das sie 1989 im Alter von 24 bekam. Hat gleichzeitig am Diplom gearbeitet, Kind eins erzogen und Baby Nummer zwei ausgebrütet. Baby drei war noch ziemlich klein, da schrieb die Mama bereits Artikel für den „Nordberliner" und entwickelte für eine Grundschule die Schulzeitung. „Als die Jüngste in den Kindergarten kam, stellte sich die Frage, womit ich denn nun Geld verdienen soll. So viele Menschen verschwenden ihr Leben mit einem Beruf, den sie nicht mögen - ich wollte meines nicht verschwenden". Petra A. Bauer lacht. Dass ihr Mann ein sicheres Einkommen bezieht, half natürlich. Dass sie das Medium Internet liebt, ebenfalls. Denn im Internet knüpfte sie in Mütterforen und Autoren-Mailinglisten Kontakte zur Verlags- und Medienbranche. Sie zog sich erste Aufträge für Artikel und Werbetexte an Land. Und lernte die Wirtschaftsautorin Karina Matejcek kennen, die 2003 fragte: „Könntest du dir vorstellen, mit mir einen Ratgeber für berufstätige Mütter zu schreiben?"

Kontakte, gute Nerven und Durchhaltevermögen

2004 erschien „Mama im Job" bei Redline. Der Auftrag fürs nächste Buch ergab sich ein Jahr später: Die Lektorin der Krimiserie „TatortOst" des Mitteldeutschen Verlags kannte Petra A. Bauer bereits und fragte, ob sie nicht mal einen Krimi verfassen wolle. Somit hatte Petra A. Bauer die erste Hürde zum Erfolg schon mal überwunden: einen Verlag zu finden. Die 231 Seiten füllen musste die Autorin trotzdem allein. Und das fiel ihr nicht immer leicht. Der Berlin-Krimi „Wer zuletzt lacht, lebt noch" (mdv) dauerte neun Monate und war „ganz anders als alles, was ich bisher ¬geschrieben hatte". Spannung sollte hinein und glaubwürdige Figuren – „Einmal habe ich eine Figur eingeführt, die hinterher nicht mehr vorkam. Zum Glück hatte ich meine Lektorin!" Und Tatorte mussten auch erst gefunden sein: „Das habe ich beim Sonntagsspaziergang mit meiner Familie erledigt". Dann gab es noch Tage, an denen sie einfach nicht weiterkam. Jeder Autor kennt sie, Petra A. Bauer fand ein spezielles Rezept dagegen: „Wenn ich beim Schreiben mal nicht weiterkomme, grabe ich den Garten um." Gut fürs Krimischreiben ist natürlich auch ihr ausgesprochener Galgenhumor. Und dass sie sich nicht mehr vormacht, so ein bisschen Schreiben ginge wunderbar nebenher, neben Kochen, Aufräumen und Hausaufgabenbe¬treuung: „Zeit fürs Schreiben müssen Sie sich nehmen, die gibt Ihnen niemand", empfiehlt sie anderen schreibenden Müttern. „Wer sich sagt, ich muss erst noch die Wäsche machen, dann den Garten, dann dies und dann jenes, der ist locker tot, noch bevor er die erste Zeile geschrieben hat."

Nora Günther beantragte eine Ich-AG und schrieb Romane

Kollegin Nora Günther aus Prestewitz, Jahrgang 1967, kann da nur nicken. Ihre ersten Gehversuche als Schriftstellerin wagte sie neben Festanstellung und Kindererziehung. Die Diplomingenieurin der Verfahrenstechnik hat zwei Teenie-Töchter und einen achtjährigen Sohn – und merkte schnell: Auch fürs Bücherschreiben braucht man eine Menge Energie. Dann lief ihre befristete Anstellung aus, und sie wagte einen großen Schritt: Sie beantragte eine Ich-AG und wurde Romanautorin. Wenn sie heute ihren Erstling „Sturm der Verdammnis" selbstbewusst bei Lesungen und vor der TV-Kamera präsentiert, wirkt sie rundum glücklich. So war es nicht immer: „Lange Zeit wusste ich nicht, ob ich jemals ein Buch fertigbekomme", erinnert sich Nora Günther. Für Geld geschrieben hatte sie vorher nie, nur 20 Jahre lang im stillen Kämmerchen. Zum Glück hielt Ehemann Gerd seiner Frau nicht nur finanziell den Rücken frei. Er lieferte auch noch die Idee zum historischen Roman „Sturm der Verdammnis".

Der begeisterte Ahnenforscher entdeckte nämlich einen Vorfahren, der spannend genug war für ein dickes Buch. Paull Günther, ein einflussreicher Richter in Mühlberg an der Elbe des 17. Jahrhunderts, gab eine wunderbare Hauptperson her. Akribisch las Nora Günther sich Wissen über die kriegerischen Schweden und den Umgang mit der Pest an. Fand heraus, wie man zu Paulls Lebzeiten lebte. Und hatte nach vier Jahren 324 Seiten beieinander, die ihr wirklich gefielen. Zum Glück auch einem Verlag: „Sturm der Verdammnis" kam 2007 bei BücherKammer heraus. Die erste Auflage war bald vergriffen und machte aus der Verfasserin eine viel beschäftigte Frau: Lesungen, Pressetermine und jetzt ein Schreibkurs für Kinder halten sie auf Trab. „Und das Fernsehteam, das hier war, hat sogar gemeint, mein Roman habe gute Chancen, verfilmt zu werden", freut sich Nora Günther.

Anfänger-Fehler und Fortgeschrittenen-Glück
Was nicht heißt, dass sie kein Lehrgeld bezahlt hätte. „Anfangs gab ich doch tatsächlich noch umsonst Lesungen", erinnert sie sich und schüttelt den Kopf. Petra A. Bauer hat sich früh viel Wissen über das Schreiben und Veröffentlichen angelesen: „Lesungen sind ja Arbeit, der Verband deutscher Schriftsteller VS empfiehlt ein Honorar von mindestens 250 Euro plus Fahrtkosten", gibt sie zu bedenken. „Wer umsonst liest, macht Kollegen die Preise kaputt." Beide empfehlen Kolleginnen, frühzeitig herauszufinden: Wie viel Vorschuss und Erfolgsbeteilung zahlen welche Verlage ihren Neulingen? Was kann mit Lesungen, Autorenkursen und Artikeln zusätzlich verdient werden?

Literaturpreise gewonnen, aber nicht reich geworden

Die erfolgreiche Kinder- und Jugendbuchautorin Irma Krauß aus Buttenwiesen rät: „Man sollte nicht damit rechnen, als Schriftstellerin reich und berühmt zu werden." Sie selbst wurde unter anderem mit dem Peter-Härtling-Preis und dem Frau-Ava-Literaturpreis ausge¬zeichnet und zählt ebenfalls zu den Späteinsteigerinnen. Bis sie 40 Jahre alt war, hatte Irma Krauß anderes zu tun: in der Schule unterrichten, dann drei Kinder erziehen. Zu Hause, genauer gesagt im Garten, kam ihr dann auch die Idee für ihren Erstling. „Ich ärgerte mich über die vielen, ekligen Schnecken in meinen Beeten", berichtet sie. So erfand sie die Geschichte einer Frau, die eine ausgeprägte Phobie vor allem hat, was kriecht und sich schlängelt. „Im Sommer 1989 setzte ich mich an meine mechanische Schreibmaschine und fing an", erinnert sich Irma Krauß. „Das Ende schrieb ich zuerst. Die Schilderung eines Unfalls. Dann alles andere. Nach sechs Wochen war der Rohentwurf fertig. So schnell habe ich nie wieder ein Buch geschrieben."

Das erste Honorar reichte für einen neuen Staubsauger
„Wenn jemand wirklich Schriftsteller wird, dann, weil er das un¬bedingt möchte", ist sie inzwischen überzeugt. Für Irma Krauß war dieser Beruf die Erfüllung eines Kindheitstraumes - und ohne Ahnung vom Verlagswesen zu haben, machte sie einiges richtig. Sie nannte ihren Erstling „Ungeheuer" und schickte ihn an solche Verlage, die ihr passend erschienen. Vier Monate später kam eine Zusage. „Mein erstes Buch hatte ein ganz ab¬gehobenes Cover und verkaufte sich nicht gut", sagt sie heute, „das Honorar reichte gerade für einen neuen Staubsauger".

Dennoch wusste Irma Krauß nun, dass sie schreiben konnte und wollte. Und ihr Alltag mit drei Teenagerkindern bot Stoff genug. Also schrieb sie fortan Jugendbücher. Und schließlich stellte sich auch der wirtschaftliche Erfolg ein. „Erfolg heißt bei uns: Man verkauft 4000 bis 5000 Bücher. Und wenn man bedenkt, dass der Autor pro Jugendbuch 50 bis 90 Cent verdient, kann man sich ja ausrechnen, was wir verdienen", relativiert Irma Krauß.

Nicht nur auf den Bestseller hoffen, sondern dranbleiben

„Wer vom Bücherschreiben leben will, sollte also nicht auf den einen Best¬seller hoffen, sondern immer dranbleiben. So, wie es Irma Krauß, Petra A. Bauer und Nora Günther tun. „Ich kann stündlich einen neuen Auf¬trag reinbekommen", informiert Petra A. Bauer. Nora Günther arbeitet parallel an einem neuen historischen Roman und einem Krimi um ihre Geburtsstadt Hoyerswerda. Und Irma Krauß hat gerade die Geschichten um die fünfjährige Jule zu Ende gebracht, die demnächst erscheinen. „In den letzten 19 Jahren habe ich doch tatsächlich 53 Bücher geschrieben", sagt sie und klingt erstaunt. Das Schöne daran: Jetzt, wo ihre Kinder erwachsen sind, reißen sich die Verlage um Irma Krauß' Bücher, noch bevor sie die erste Zeile verfasst hat. Und der stete Kontakt zu ihren jugendlichen Lesern, den sie längst auch per E-Mail pflegt, wird sie ver¬mutlich sehr lange jung halten.

Petra Plaum Quelle: JUNIOR-VERLAG GMBH & CO. KG _ KINDER _ Für Eltern, Erzieher und Kinder _ Familie heute_ 7/2008
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